ДИАlog yourself

Selbstermächtigung und Selbstorganisation: Die Dialog-Projektwoche in Murmansk 2011

Mit dem Motto »Do it yourself« (DIY) wird die Beschäftigung mit dem Schwerpunktthema »politische Kunst« durch die praktische Erprobung unterschiedlicher Formen künstlerisch-politischen Aktivismus weitergeführt. Im Mittelpunkt des Dialogs 2011 steht die theoretische und praktische Auseinandersetzung mit sozialen, politischen und gesellschaftskritischen Themen mithilfe künstlerischer, gestalterischer, kreativer Ansätze, Mittel und Methoden. »Do it yourself« steht dabei für einen Denkansatz, der sich als emanzipatorisch und aktionistisch versteht. Er reflektiert einerseits die Produktionsweise bzw. den Warencharakter kultureller Objekte und stellt zunächst einen Versuch dar, Autonomie in der kulturellen Produktion herzustellen. Ziel ist die Auflösung der Grenze zwischen Produzent_innen und Konsument_innen, weg vom passiven Konsum hin zu aktiver Partizipation und Interaktivität. Darüber hinaus geht es dem DIY auch um praktische Antworten, die Möglichkeiten unabhängiger, alternativer, nicht-kommerzieller Projektarbeit sowie um die Entwicklung neuer Lösungsansätze jenseits des Mainstreams. Wichtige Schlüsselbegriffe in diesem Zusammenhang sind Selbstermächtigung und Selbstorganisation. Dem entspricht auch ein spezifisches Bildungsverständnis, gekoppelt mit spezifischen Vermittlungsformen und Formen des Wissenserwerbs: learning by doing/through action, Erfahrungsaustausch von Mund zu Mund sowie über alternative Medien, Teilen von Wissen anstelle Konkurrenz, autodidaktisches und kooperatives Lernen sowie ein hierarchiereduzierter Anspruch. Bildung basiert hier auf Wissensaustausch, Selbstbildung und vor allem auf dem Tätigsein – eine Praxis, welche besonders im Hinblick auf Schnittstellen von Kunst/Bildung und Politik interessant ist.

Dies benötigt Netzwerke. Im »do it yourself« ist damit gleichzeitig das »do it together« angelegt. Dabei wirft auch die Praxis des DIY Fragen auf – Begriffe wie Authentizität, Individualität, Szenewissen und Anerkennung sollen ausgelotet werden, die Verkommerzialisierung von Kunst und Design kritisch hinterfragt, das Problemfeld DIY und Präkariat im Kontext von Wohlstandsgesellschaft versus Mangelgesellschaft bearbeitet werden.

Breitgefächerte Formate bilden für die theoretische wie praktische Auseinandersetzung mit dem Themengebiet die Grundlage: Von Kunstaktionen im öffentlichen Raum (Performance, [Inter-]Aktion, Intervention) über interaktives Theater, Forumtheater, Theater der Unterdrückten, Street Theater bis hin zum gemeinsamen Erarbeiten von Raum-, Ausstellungs- und Organisationskonzepten in einem selbstorganisierten Galerieraum in Murmansk. Eine DIY-Plattform wird im Kunstmuseum Murmansk im Zeitraum der Projektwoche errichtet werden. Diese als offenes Festivalzentrum angelegte »Platforma 11« wird nicht nur der Dokumentation, Präsentation und Diskussion des Rahmenkonzeptes DIY und der laufenden prozessorientierten, ergebnisoffenen Projekte dienen. Angedacht ist eine interaktive Station, die zudem Beteiligungsmöglichkeiten für alle Projektteilnehmer_innen und auch für interessierte Besucher_innen sowie Museumsmitarbeiter_innen bietet.

Besonderes Augenmerk liegt auf der Strukturierung der Projektwoche, in welcher sich das DIY-Konzept widerspiegelt: Selbstorganisierte bilaterale Gruppen aus deutschen und russischen Teilnehmer_innen werden in einem selbst definierten Zeitraum von maximal sechs Tagen intensiv ein gemeinsames Projekt nach der Open-Space-Methode erarbeiten. Die einzelnen Projekte sind prozessorientiert und vor allem ergebnisoffen konzipiert. Die jeweiligen Projekte werden vor Ort von allen gemeinsam entwickelt, erprobt und umgesetzt, um ein Agieren auf gleicher Augenhöhe zu gewährleisten. Die Idee einer Weiterführung der Projekte beim »Rücktausch«1 im Herbst 2011 in Leipzig soll intensiv mitgedacht werden.

Um eine Dezentralisierung der Aktivitäten zu erreichen und den Stadtraum Murmansk thematisch enger mit einbeziehen zu können, werden alle Workshops an verschiedenen Orten im Stadtraum verstreut stattfinden. Mehrere, öffentliche Abendveranstaltungen, z. B. Vorträge, ein Filmprogramm und eine alternative »Guiding Tour« zum Eisbrecher Lenin, bieten zudem die Möglichkeit, sich mit allen Teilnehmer_innen und auch dem interessierten, lokalen Publikum zu treffen und auszutauschen. Gebündelt werden die Projekte neben der DIY Platforma 11 zudem durch eine Tour zu allen »Projektstätten« am letzten Tag der Projektwoche.

 

1 Aus dieser Rücktausch-Idee, wonach internationale Teilnehmer_innen im Gegenzug nach Deutschland eingeladen werden sollten, hat sich inzwischen unter dem Titel platforma ein eigenständiges Projektformat entwickelt. Es fand als platforma11 erstmals im Herbst 2011 in Leipzig statt. Zukünftig soll die platforma regelmäßig an wechselnden Orten in Europa stattfinden.