68° 58′ Nord, 33° 5′ Ost

Murmansk auf der Kola-Halbinsel gehört zu den größten Städten nördlich des Polarkreises. Die heute noch etwas mehr als 300.000 Einwohner zählende Stadt erlangte ihre Bedeutung maßgeblich während des frühen 20. Jahrhunderts, in das die trotz klimatischer Extrembedingungen massiv vorangetriebene Erschließung zahlreicher Rohstoffvorkommen auf der gesamten Kola-Halbinsel fiel. Seine Gründung 1916 verdankt Murmansk der ganzjährig eisfreien Kola-Bucht, wodurch während des Ersten Weltkrieges militärische Nachschublieferungen der westlichen Alliierten an Russland sichergestellt werden sollten. Als Stützpunkt der sowjetischen bzw. russischen Nordmeerflotte behielt der gesamte Oblast (Region) während des Kalten Krieges und bis heute seine strategische Rolle bei.

Die Region an der nordwestlichen Peripherie Russlands sieht sich heute als industriell geprägtes Gebiet strukturellen Wandlungen gegenüber, zu denen neben demographischen Schrumpfungsprozessen massive Umweltprobleme zählen. Sie ist westlichen Beobachtern vor allem als nukleare Problemzone im Zuge der Verschrottung sowjetischer Atom-U-Boote ein Begriff.

Obwohl am geographischen wie politischen Rand Europas gelegen, werden in der Region Murmansk damit wesentliche Schnittlinien der europäischen und insbesondere deutsch-russischen Geschichte sichtbar: die nicht zuletzt mit Hilfe des stalinistischen GULAG-Systems forcierte Industrialisierung und Rohstofferschließung im frühen 20. Jahrhundert, im Zweiten Weltkrieg wegen des eisfreien Hafens umkämpft und von der deutschen Wehrmacht weitgehend zerstört, als Grenzregion der Blockkonfrontation des Kalten Krieges potenzielles militärisches Aufmarschgebiet und nukleare Kampfzone, schließlich der postsowjetische Strukturwandel. Neuerdings kommt der Hafenstadt im internationalen Wettlauf um nordpolare Rohstoffvorkommen eine wachsende Bedeutung zu.

Die besonderen Problemlagen und die Geschichte des Oblast Murmansk machten die Region zum idealen und spannenden Ausgangspunkt zahlreicher kultureller und politischer Jugendaustauschprojekte zwischen Russland und Deutschland, inzwischen auch anderer Länder. Seit 2004 fand in Murmansk jährlich der Dialog der Kulturen statt, seit 2006 begleitet vom internationalen Vostok Forum – Veranstaltungsreihen, die sich in Workshops, Bildungsveranstaltungen und Kunstaktionen mit aktuellen politischen Fragen in Russland, Deutschland und der Welt auseinandersetzten. Kritische Analysen sowie die experimentelle Suche nach gesellschaftlichen Alternativen, Möglichkeiten der Selbstorganisation und innovativen Bildungskonzepten waren wesentliche Zielpunkte der Initiativen. Im Jahr 2011 kam mit der platforma11 ein »Rücktausch«-Projekt hinzu, das in größerem Umfang die russischen Partner_innen und Akteur_innen nach Deutschland einlud.

Inzwischen haben viele der Murmansker Partner_innen nicht zuletzt aufgrund politischen Drucks, aber auch wegen besserer Perspektiven anderswo die Region verlassen. Das deutsche Netzwerk hat sich ebenfalls umstrukturiert und seine Aktivitäten auch auf andere europäische Regionen ausgeweitet.