Begriff der politischen Bildung

Ausgangspunkt der Debatte war die Erfahrung, dass der in Deutschland vorherrschende politische Bildungsbegriff international zunächst wenig anschlussfähig erschien. Der Komplex »politische Bildung« musste bei der Übersetzung in andere Sprachen stets erst gefüllt werden. Unbehagen herrschte insbesondere über die spezifische Expert_innenrolle, die im Hinblick auf die Förderrichtlinien des BMZ den aus Deutschland stammenden Teilnehmer_innen zugeschrieben wurde: Der einseitige »Export« von Expert_innenwissen, ohne dass der Aspekt des Austauschs auf gleicher Augenhöhe Berücksichtigung fand, wurde von vielen Teilnehmer_innen als limitierend empfunden. Auch unter linken Aktivist_innen in Deutschland herrschte bezüglich der Ansätze politischer Bildung kein Konsens. Zwischen einer nahezu autoritären Praxis und radikaler Infragestellung des Methodischen aufgrund seines manipulativen Potenzials und ausgefeilten Methodenbewusstseins findet sich ein breites Spektrum an Positionen, zu denen mitunter auch die völlige Ignoranz gegenüber einer methodischen Seite zählt. Auch inhaltlich lassen sich deutlich verschiedene Schwerpunktsetzungen erkennen. Die AG Russland betrachtet die ständige Arbeit am Bildungsverständnis, sogar im Falle einer radikalen Infragestellung, als Bestandteil eines jeden kritischen Bildungsprozesses, der somit auch zu einer Bildung über Bildung wird.

Die klassische Bildungskultur in Russland steht ebenso im Kontrast zu den Bedürfnissen einer unter komplizierten Bedingungen entstehenden linken politischen Kultur im postsowjetischen Raum. Politische Bildung wird hier weitgehend verstanden als sogenannte »patriotische Erziehung« oder ist als Agitation und Propaganda der sowjetischen Periode präsent.

Grundsätzlich kann linke (politische) Bildung nicht national sein. Somit stellt sich die Herausforderung, sie international zu denken und zu erproben. Genau deshalb sind internationale Bildungserfahrungen besonders produktiv für eine linke Bildungsdebatte. Der Vostok-Prozess ist hierfür ein Beispiel. Im Rückblick auf die langjährige Projekterfahrung erschien es unumgänglich, einen Kommunikations- und Bildungsprozess neu zu entwickeln und zu erproben, jedoch ohne auf entsprechende Anregungen aus verschiedenen Praxen politischer, bildnerischer und künstlerischer Tätigkeit zu verzichten. Inzwischen kann von einem eigenständigen Bildungsansatz im Dialog-Vostok-Prozess gesprochen werden, der in der sogenannten Sotvorchestvo-Methodik kulminiert.

 

Arbeit am Bildungsverständnis – Das Bildungskonzept der AGRU

Begriff der politischen Bildung

Entstehungsprozess einer neuen Methodik

Sotvorchestvo

Der Prozess