Das Vostok Forum

Neben dem ursprünglich auf klassische Jugendbegegnung ausgerichteten Kulturfestival Dialog der Kulturen erfüllte die seit 2006 jährlich im August stattfindende internationale Jugendsommerakademie Vostok Forum das Bedürfnis nach einer stärkeren inhaltlichen und politischen Auseinandersetzung. In der mehrtägigen Bildungs- und Diskussionsveranstaltung mit Teilnehmer_innen meist aus Mittel- und Osteuropa standen die analytische Beschäftigung mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen sowie die Verständigung über mögliche Alternativen im Mittelpunkt. Über Analyse und Kritik hinaus wurden konkrete Projektansätze erschlossen und kritisches, eigenverantwortliches Denken und Handeln geschult. Wie bei anderen Formaten wurden auch beim Vostok Forum im Vorfeld jeweils spezifische Schwerpunktthemen entwickelt und ausgeschrieben, an denen sich die Bewerber_innen orientieren konnten.

Mehr als das bei dem eher künstlerisch-performativ ausgerichteten Dialog der Kulturen möglich war, kennzeichnete das Forum eine intensive Kommunikation in einem eingegrenzten Teilnehmer_innenkreis. Dabei kamen junge politische Aktivist_innen, Wissenschaftler_innen und Künstler_innen zusammen und arbeiteten an Themen wie dem zivilgesellschaftlichen Engagement von Jugendlichen, Ökologie, Genderpolitik, Jugend(sub)kulturen in Russland und Deutschland oder Transformationsprozessen in Staat und Gesellschaft. Ziele waren der Austausch und die Vernetzung politisch aktiver Gruppen sowie die Verständigung über Fragen der politischen Theorie, Identität und populären Kultur.

Das Forum fand an verschiedenen Orten im Murmansker Gebiet statt und integriert sogenannte »polittouristische« Bildungsausflüge, auf denen beispielsweise Industrieareale, Hafenanlagen, schrumpfende Städte und ökologische Problemzonen sowie historische Schauplätze besucht und zum Gegenstand der Reflexion wurden. Die Teilnehmer_innen des Forums waren in erster Linie Student_innen, junge Forscher_innen und Mitglieder von NGOs. Der Projektfokus lag auf der Selbstorganisation politischen und sozialen Engagements. Wie könnten ideale Strategien sozialer, ökologischer und politischer Bewegungen heute aussehen? Welche Formen der Kommunikation und Vermittlung erweisen sich als nützlich? Die Analyse und der Vergleich bestehender und neuer Konzepte und Strategien verschiedener sozialer Initiativen in unterschiedlichen Ländern sowie die Realisierung eigener Projektideen standen beim Vostok Forum im Vordergrund.

Das Vostok Forum war damit Teil eines sich ständig weiterentwickelnden nachhaltigen Bildungsprozesses und ein Beispiel für die katalysierende Wirkung politischer Bildung für die Entstehung, das Wachsen und die Profilierung eines handlungsfähigen internationalen politischen Netzwerkes von linken Aktivist_innen, Bildner_innen und Künstler_innen. Es steht für gemeinsame inhaltliche Auseinandersetzung, Projektorientierung, die kreative Suche nach geeigneten Formen, für die Einheit von emanzipatorischem Anspruch und Methode.