Editorial

Working Routes war der Titel eines 2008 in Murmansk durchgeführten Projektes, welches die Arbeitsbedingungen, -prozesse und -orte von Künstler_innen und Kreativen in der Stadt abseits der kulturellen Zentren St. Petersburg und Moskau entdeckte und in Wort und Bild dokumentierte: Durch Hörensagen wurde es möglich, immer tiefer in eine kulturell vielfältige Szene abzutauchen, die man in einer Stadt wie Murmansk aus verschiedenen Gründen nicht vermutet hätte und Außenstehen auch verborgen bleibt.

Jenseits folkloristischer Kultur- und Kunsträume – jedoch nicht ohne gewisse Wechselwirkungen – fanden sich hinter den Fenstern der Plattenbaustadt blühende subkulturelle Inseln: der Rapper, der in die von seiner Großmutter geerbte Einraumwohnung eine HipHop-Jam-Bühne gebaut hat, der Musiker, der in einem Kulturhaus aus Sowjetzeiten Technopartys veranstaltet, der Konzeptkünstler, der exzentrische Open-Mike-Sessions organisiert, die Ska- und Punkband, die in einem alten Gewächshaus probt – und die Querverbindungen zwischen sämtlichen Akteur_innen, die plötzlich offenbar werden und sich in gemeinsamen Jam-Sessions äußern, wenn der Rapper etwa zusammen mit der Ska-Band auftritt.

Jeder und jede der Interviewten waren von anderen Intentionen geleitet, von anderen Lebensumständen und -entwürfen geprägt. Zwischen Kommunikationsmittel und potenzieller Einnahmequelle, zwischen politischer Artikulationsform und hedonistisch inspiriertem Hobby bewerteten die Akteur_innen ihre künstlerischen Strategien sehr unterschiedlich. Sie alle verband aber das Bedürfnis nach der Aneignung selbstbestimmter lokaler und geistiger Räume.

Dieser sammelnden, fragmentarischen Form des Entdeckens und Erforschens nimmt sich das Archiv einer fast fünfzehnjährigen Projektarbeit der AG Russland und der Humanistischen Jugendbewegung Murmansk an. Viele der hier abgedruckten Texte und Arbeiten entstanden kollektiv als Workshopberichte, Arbeitsdokumentationen, Evaluationen, Ankündigungen, Web-Präsentationen oder als eigenständige Kunstwerke. Manche der Texte sind extra hierfür entstanden. Wenn es sich um Einzelautorschaften handelt, sind diese – sofern die Autor_innen nichts dagegen hatten – angegeben. Zum Teil wurden Texte und Berichte, die aus sämtlichen Jahren der Projektarbeit stammen, dem Zweck dieser Präsentation angepasst und überarbeitet. Mitunter spiegeln sie aber durchaus noch den Berichtscharakter und also ihren spezifischen Entstehungskontext wider. An diesen Punkten geben sie Einblick in die reflektierende Arbeitsweise der AG. Insbesondere die Texte, die über die – inzwischen umbenannte – AG Russland selbst und ihre Arbeitsweise berichten, sind in umfangreichen Gruppenprozessen über einen langen Zeitraum entstanden, immer wieder von wechselnden Autor_innen überarbeitet worden und ebenso wie das prozesshafte Bildungsverständnis der AG kontinuierlichen Wandlungen ausgesetzt. Sie bilden somit einen gegenwärtigen Standpunkt ab, der keinen Anspruch auf immerwährende Gültigkeit erhebt. Das trägt auch dem netzwerkartigen Gruppencharakter Rechnung, der trotz eines langjährigen Kerns an Akteur_innen keine fest umrissene Mitgliederstruktur kennt.

Das Archiv soll Retrospektive und Agenda sein, ein inspirierendes »Drifting« durch die unterschiedlichen Themenkomplexe, die Ergebnis und Gegenstand anhaltender Kommunikationsprozesse sind. Es greift damit einige unserer Methoden auf und funktioniert als eine Art Mind-Map, eine kognitiv-assoziative Landkarte durch aktuelle (bildungs-)politische Debatten und Themenfelder der vergangenen Projekte.

AGRU, Juni 2017