»Friend of a friend tales«

… über die geschlossene Stadt Seweromorsk

Gesammelt von Yvonne Anders

SATOs (ЗАТО – Закрытое административно-территориальное образование) sind »geschlossene Städte«, die insbesondere in der Sowjetunion aufgrund ihrer militärischen Bedeutung oder als Standorte der Atomindustrie nur mit spezieller Genehmigung betreten werden durften. Manche von ihnen tauchten auf keiner Landkarte auf. Obgleich Seweromorsk, hoch im Norden in der Nähe von Murmansk auf der Kola-Halbinsel gelegen und Stützpunkt der russischen Nordmeerflotte, durchaus auf Landkarten verzeichnet war, ist es heute noch immer (bzw. wieder) eine geschlossene Stadt.


»Ein unbetretbares Gelände führt zu Legendenbildungen, denen Interesse, Neugierde und Faszination des Unbekannten zugrunde liegen. Un- bzw. Halbwissen durch mehr oder weniger fundierte mündliche, schriftliche und bildliche Überlieferung produzieren Erzählungen, Geschichten, Bilder von einem nicht mit eigenen Augen verifizierbaren Ort«, sagt die Medienkünstlerin Yvonne Anders. In dem Projekt Friend of a friend tales hat sie während eines Workshops in Murmansk die aus verschiedenen Orten in Deutschland sowie aus Seweromorsk, Murmansk und Moskau stammenden Teilnehmer über die geschlossene Stadt befragt. Auf diesen vagen Informationen, Gerüchten, Images und Vorstellungen fußt der Versuch einer (Re-)Konstruktion eines imaginären Seweromorsk. Da die Grenzbeamten am »Schlagbaum« die Löschung aller Fotos von der Schranke verlangten, existiert nur ein Schnappschuss aus dem Rückfenster des Taxis, mit dem Yvonne Anders bis vor die Tore des Stadtgebietes gefahren ist.

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Kennst Du die Stadt Seweromorsk? Ich habe davon erst kürzlich gehört. Ja. Nein, hab ich noch nie gehört. Ja, aber nur aus dem Internet und aus Erzählungen. Wie viele Einwohner hat die Stadt? Ca. 30.000/ungefähr 54.000/40-50.000/87.000/80.000/140.000/150.000. Was weißt Du über die Stadt? Geschlossenes, kleines, gemütliches Militärstädtchen. Es ist die Heimat der russischen Nordmeerflotte, und ich glaube, der Hauptstützpunkt ihrer Atom-U-Boote. Ich bezweifle, dass Iwan einem Westeuropäer empfehlen würde, dort Urlaub zu machen. Bekannt geworden ist der Ort durch die Katastrophe der »Kursk« (U-Boot), bei der 118 Seeleute ums Leben kamen. U-Boot-Station, Atommülllager. Seit 1996 geschlossen. Kontrollen beim Ein- und Ausgang. Hafen. Ich lebe dort. Es ist eine geschlossene und isolierte Stadt. Sie funktioniert ganz gut in allen sozialen und politischen Bereichen. Fremden ist es nicht erlaubt, die Stadt zu betreten – warum? Die Stadt wird von Banditen beherrscht. Die Mehrheit der Einwohner sind Marinesoldaten. Die Stadt ist nicht zum Erholen geeignet. Die Arbeitslosenrate ist eine der niedrigsten im Oblast Murmansk (1%). Warum ist Seweromorsk eine geschlossene Stadt? Militärbasis, verstecken die Umweltkatastrophen. Geheime Militärmanöver. Militärschiffe, U-Boote, alte Munition. Manche Stützpunkte haben irgendwas mit Atomzeug zu tun. Ooops, das hätte ich nicht erwähnen dürfen – top secret! Weil es notwendig ist. Weil sich dort die Basis der russischen Atom-U-Boot-Flotte befindet. Das ist eine geheime Information. In Seweromorsk ist tatsächlich viel Dreck. Nicht entsorgte Reaktoren, Brennelemente, veraltete Munition jeder Art… Da könnte man viele schöne Dinge filmen, wenn es erlaubt wäre. Militärisch mittlerweile zwecklos – Demoralisierung soll verhindert werden. Wem ist es erlaubt, die Stadt zu betreten, wem nicht und warum? Einwohner, Leute, die dort arbeiten, hohe Funktionäre, Abgeordnete, Präsident. Nur Personen, die mit ihrem Pass beweisen können, dass sie hier wohnen. Leider weiß ich nicht genau, warum. Keine Journalisten. Wer einen Passierschein für Seweromorsk hat. Ich denke, Spione nicht. Wie kommt man legal bzw. illegal in die Stadt? Inoffiziell weiß ich nicht, offiziell mit Sondergenehmigung. Mit Passierschein. Mit irgendeiner staatlichen Reisegenehmigung… Inoffiziell im Kofferraum. Ich weiß es nicht. ? . Inoffiziell nicht möglich. Inoffiziell braucht man gute Kontakte und Freunde bei der Passkontrolle. Oder Passkontrolle schmieren. 500 Rubel in den Ausweis reinlegen. Keine Idee. Da ist ja eigentlich keine richtige Grenze oder Mauer oder so. Warst du jemals in Seweromorsk? Wann? Was hast Du gesehen? Beschreibe die Stadt. Nein. Ich wohne dort. Ich habe fast alles gesehen. Ja… Leute. Da ein Haus, dort ein Haus… und Aljoscha. Ja, ich war in der Stadt. Ich habe die Stadt gesehen. Sie ist lieblich und klein. Ich lebe und arbeite dort bei der Nordflotte. Ja, 2004. Gagarin-Museum. U-Boot-Museum. Schlecht für die Erholung. Armselige Architektur, einheitliche, graue Häuser. Eine normale Stadt, nur militärisch. Kennst Du noch jemanden, der dort arbeitet oder lebt? Was machen/arbeiten die Menschen dort? Mehrheitlich Flottenangehörige. Hauptsächlich Flotte. Der Rest: Servicebereich. Meine Familie, meine Freunde usw… Mein Vater? Bekannte. Soldaten und ihre Familien (überwiegend),… Banditen,… Freundin wohnt dort. Früher Zugezogene und sogar Einwanderer. Oberschicht Armenier, besitzen das wirtschaftliche Monopol. Leute, die aus Versehen hingefahren sind und die Stadt schnell wieder verlassen mussten. Militärfamilien. Männer: Seeleute. Frauen: normale Berufe. Schule für Kinder. Nationale und internationale Verteidigung? Wie leben sie? Keine Idee, wie Normalsterbliche. Sie bekommen Wohnungen vom Staat, werden gut bezahlt, können einmal im Jahr kostenlos eine unbeschränkte Distanz mit dem Zug fahren – wenn sie Militärs oder Angehörige sind. Wie andere Bürger. ? . Wie in Murmansk. Unterschiedlich. Nicht schlecht. Langweilig. Privileg, dort zu wohnen. Vor allem zu Sowjetzeiten. Gibt es besondere Plätze, Sehenswürdigkeiten, Museen, Denkmäler? Gagarin-Museum. U-Boot-Museum. Stalinbauten. Schönster Ort: Matrosendenkmal »Aljoscha« am Hafen. Viele Straßen sind nach Piloten und Seemännern benannt. Es gibt ein Museum zur Geschichte von Seweromorsk. Keine Ahnung. Natürlich. Dort steht das Denkmal für die Verteidigung des Vaterlandes auf dem Hauptplatz, wie das Denkmal in Murmansk. Der Stadtpark (darin viele Denkmäler, Museen, Sehenswürdigkeiten). Kennst du besondere Geschichten, Legenden, Märchen über Seweromorsk? Nein. Meine Oma glaubt immer noch, dass die Armee auf den Straßen ist. Jemand erzählte mir, dass er letztes Jahr in Murmansk war und aus Versehen mit dem Bus nach Seweromorsk gefahren sei. Er lief ein bisschen herum, bis neben ihm ein Auto anhielt und ein Mann ihn streng aufforderte, diesen Ort schnell zu verlassen. Wir fuhren mit dem Taxi zur Grenze und machten ein Foto vom »Schlagbaum«. Da kam ein Grenzbeamter und forderte uns auf, das Foto zu löschen. Ich bin stolz, in Seweromorsk 1 aufgewachsen zu sein. Und ich glaube fest daran, dass die Sowjetpiloten die Besten der Besten waren. In der Schule haben wir einen Text von einem deutschen Journalisten gelesen, der behauptete, unser Hafen wäre voller Atommüll. Hier gibt es keinen Atommüll. Es gibt Atomraketen, aber die funktionieren noch ganz gut. Wo kann man mehr Informationen über Seweromorsk finden? www.zone-interdite.net, www.wikipedia.org, www.maps.google.com. ? . Bürgeramt, in anderen Städten. Die Leute fragen, die dort wohnen. In Seweromorsk. Wie wärs mit der offiziellen Website von Seweromorsk? Ist es denn so schwer, »Severomorsk« zu googeln? Ich kann es noch leichter für dich machen: hier sind ein paar Fotos vom Runet. Das könnte dir helfen, du wirst wahrscheinlich interessiert an externen Links sein: http://en.wikipedia.org/wiki/Severomorsk.

Quellen:

– Workshopteilnehmer_innen aus Russland (Murmansk, Seweromorsk, Moskau) und Deutschland (Dresden, Leipzig, Potsdam, Strausberg) in Murmansk am 24. Juli 2007

– Wikipedia, Google Maps, diverse Foren

Dieser Beitrag erschien erstmals in: Ausgabe 1. Zeitschrift für Weltverdopplungsstrategien, erste Ausgabe: »Die Stadt«. Leipzig 2009, S. 85ff. www.ausgabe1.de