Murmansk polar drifting

Mindmapping precarious living

Kathrin Herold, Claudia Krieg

Grenzüberschreitende Kommunikation als Thema und Herausforderung zu begreifen und ernst zu nehmen, war die Idee des Workshops Experiencing precarious existence in Murmansk während der Projektwoche Dialogue of cultures im März 2009. Statt in den ehrwürdig anmutenden Sälen des Regional Palace of culture in honour of S.M. Kirov, haben wir unseren Austausch darüber im kollektiven Erfahren und Erforschen städtischen Raums verortet – im drifting. Gespräche und Interviews als Ort und als Materie von Politik zu verstehen, gelang unter anderem durch die sprachliche Komposition von erlerntem Englisch innerhalb des Workshopkreises und dem situativ übersetzten muttersprachlichen Deutsch und Russisch auf den Straßen von Murmansk.

Wir wollten versuchen, einen kommunikativen Korridor zu schaffen, in dem wir entlang unserer eigenen Arbeits- und Lebensrealitäten Vorstellungen von prekarisierter Arbeit und precarious lives entwerfen und diskutieren.

Prekarisierung im eigenen Leben?

Der Ausgangspunkt der gemeinsamen Arbeit im Workshop war die Präsentation der Lebensumstände und Alltagspraxen der Teilnehmer_innen. Eine Frage daran lautete: Wie organisiere ich mein materielles Überleben? Der Großteil der etwa zwanzig Teilnehmenden berichtete von häufig wechselnden Auftragsarbeiten aus dem Bereich selbständiger Spracharbeit, unabhängig davon, ob die Tätigkeit aus einem direkten Ausbildungskontext entstanden war – Studium der Übersetzung bzw. Dolmetschen – oder indirekt zu dem Schwerpunkt geführt hatte – Studium der Soziologie, der Sozialen Arbeit, Fremdsprachen oder Kunstvermittlung.

Die nicht objektiv festlegbaren Schnittstellen lagen in den Bereichen von Vermittlungstätigkeit, wissenschaftlichen Recherchen und Journalismus im Rahmen von unbezahltem politisch-künstlerischen, kreativen Engagement.

Die Kurzbiographien nehmen überwiegend die Form eines Verlaufsberichts an: »Früher habe ich…, jetzt bin ich…, zukünftig plane ich…, würde aber noch lieber…« Die Details hingegen sind sehr unterschiedlich: Eine ehemalige Tänzerin und Leiterin eines Fitnessstudios kann nach einem Unfall ihren Beruf nicht mehr ausüben und beginnt ein sozialwissenschaftliches Studium. Ein Künstler, der seinen Lebensunterhalt als Hausmeister in einer Schule verdient – und darüber hinaus am weiteren Workshopverlauf nicht teilnahm, weil er an einem obligatorisch zu absolvierendem Terror- und Katastrophenschutztraining der Armee teilnehmen musste. Zwei der teilnehmenden Frauen (Soziologin und Hochschullehrerin die eine, Demokratie- und Konflikttrainerin die andere) sind Mütter und beschreiben ihre Mehrfachrollen mit den zur Wahl stehenden Erziehungsmodellen, wenn die Anforderungen an Flexibilität und Mobilitätsbereitschaft sehr groß sind.

Ein Pessimismus im Hinblick auf berufliche Perspektiven scheint bei den sehr jungen Murmansker Student_innen auf. Als Ausweichoption gilt für sie oft Migration, im Gegensatz zu den Personen mit einem weiteren Erfahrungshintergrund.

Gemeinsam ist uns allen die Erfahrung und die Reflexion von Veränderung: beruflicher Veränderung, Veränderung in den gewählten oder zugewiesenen Lebensräumen, Veränderung in den sozialen Netzwerken, Familien, Liebes- und Freundschaftsbeziehungen.

Die scheinbare Banalität, darüber zu sprechen, bricht sich an den dabei auftauchenden komplexen Fragestellungen und Themenbereichen. Hier stellen wir strukturelle Gemeinsamkeiten fest, die als charakteristisch für die prozesshafte Lebens- und Arbeitssituation vieler Subjekte gelten können.

Dazu gehören:

  • keine festen Anstellungsverträge bzw. Kurzzeitaufträge/Verträge
  • projektbezogenes Arbeiten
  • keine klare Trennung zwischen Lohnarbeitszeit und Freizeit, Arbeitsort und privatem Ort
  • moderne Arbeitskraftformen, die nicht wahrgenommen werden und sich verkörpern in immaterieller Arbeit
  • Tätigkeiten, die erhebliche emotionale Teilnahme verlangen (Pflege, soziale/ sozialpsychologische Betreuung)
  • Tätigkeiten, die als professionelle Mangelverwaltung gelten können, aber keinesfalls auf Problemlösung ausgerichtet sind

Die Praxis der militanten Untersuchung

Nach der theoretischen Verortung, die auch als Einstiegsübung verstanden werden kann, sah der nächste Schritt eine räumliche Verortung vor. Assoziativ sollten Themen und Fragestellungen mit Orten in Murmansk in Verbindung gebracht werden. Hilfestellung in spielerischer Form bot die vorab erstellte »Murmansk mindmap«, indem sie, ähnlich einem Verkehrslernspiel, Fragenkomplexe in Stationen bzw. Haltestellen bündelte (z. B. Mobilität, Geschichte, Ökonomie etc.). Diesen imaginierten Haltestellen entsprechend sollte eine selbstgewählte Wegstrecke mit Anlaufpunkten (bzw. Haltestellen) in Murmansk kreiert werden. So kann z. B. der zentrale Bahnhof als Symbol für Mobilität einstehen, oder die Universität als Ort, an dem sich Hoffnungen, Rollen, Ansprüche und Zwänge konzentrieren.

Ausgangspunkt dieser vorgeschlagenen Annäherung von urbanem Raum und gruppendynamisch orientierter Befragungen waren Quellen und ein methodisches Vorgehen, das sich auf die Situationistische Internationale (SI) bezieht. Bei der von der SI entworfenen dérive (englisch drift) steht drifting bzw. Driften für ein kollektives Umherschweifen im städtischen Raum. Es gilt, diesen Raum zeitgleich zu erkunden und in ihn zu intervenieren.

Drifting, eher verstanden als konzeptioneller Rahmen für ein experimentelles Vorgehen, wird in aktuellen Anlehnungen als Psychogeographie, oder, in der Tradition der italienischen Operaistenbewegung, als militante Untersuchung beschrieben. Psychogeographie erforscht Gesetze und Wirkungen einer geographischen Umwelt, die emotionalen Einfluss haben, während eine militante Untersuchung die Erforschung des städtischen Raums ist, bei der Interaktionen und urbane Vorkommnisse als Leitfaden gelten. Demzufolge geht es beim drifting darum, dass die Forscher_innen die Zufälligkeiten und Korrespondenzen physischer Erfahrungen wahrnehmen und sich dabei der Anziehungs- und Abstoßungskraft von unterschiedlichen Räumen aussetzen.

Den Situationist_innen ging es darum, die Trennung von Kunst, Politik und Alltag aufzuheben. Wir wollten versuchen, die künstlichen Barrieren zwischen Kommunikation und Politik aufzuheben, und die gesellschaftliche Trennung von privat und politisch dort als Verklärung zu entlarven, wo sie es verbietet, bestimmte Sphären des individuell erlebten Alltags als politische Sphäre zu definieren. Unsere Intervention sieht also vor, Praxisformen und Sichtweisen, die als selbstverständlich gelten, zu irritieren und aufzubrechen, um die dahinter liegenden Strukturen, Gesetzmäßigkeiten und Mechanismen aufzuzeigen und zu problematisieren. Sie sieht aber auch vor, unsere eigenen Bewegungs- und Handlungsmotive im gesellschaftlichen Raum zu hinterfragen.

Drifting Murmansk

Als wir in Murmansk unsere Erkundung des städtischen Raums beginnen, verwandeln wir die zufällige Kommunikation an den gemeinsam zu einer Route zusammengestellten Stationen in eine Forschungssituation. Dafür haben wir uns ausgestattet mit analogen und digitalen Foto- und Videokameras, Audioaufnahmegeräten, Stiften und Notizblöcken. Der Streifzug durch die Stadt wird vielfältig dokumentiert, aus Gesprächssituationen werden Interviews. Wir befragen uns zu eigenen Erfahrungen und Assoziationen und schaffen damit gleichzeitig Situationen, in denen andere Menschen auf uns zutreten, uns befragen oder sich durch uns befragen lassen. Wir intervenieren, indem wir kommunizieren, untereinander und miteinander eher beschwingt und aufgeregt, während unsere Interviewpartner_innen meist sehr ernsthaft und selbstverständlich (re-)agieren. Im öffentlichen Raum um Meinungen oder Stimmungen gebeten zu werden, ohne dass damit ein sichtbares und verwertbares Ziel verfolgt wird, schafft besondere Aufmerksamkeiten.

Unsere Fragen richten sich an die Orte, an die Menschen, nehmen den Moment, die Stimmungen als Hinweisschilder. Wir stehen vor einem Denkmal und versuchen, uns zu erklären, wie die dargestellte Geschichte und die Inszenierung scheinbarer oder tatsächlicher kollektiver Erinnerungen mit unseren eigenen Erinnerungen und unserem historischen Wissen in Verbindung stehen. Wie versuchen, Zeiträume experimentell zu objektivieren: Wo warst du vor fünf Minuten? Was ist der Traum von einem anderen Leben in dem Moment, wo es vielleicht am weitesten entfernt scheint?

Es ist ein gemeinsame Reise durch verschiedene Territorien des Prekären: Zeit, Raum, Einkommen und Kommunikation.

We demand public space, we take it, we conquer it! We are looking for situations that are of short existance, flowing or hideous and clandestine. We want to question our own motivations of moving and acting.

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Further Reading:

Biene Baumeister, Zwi Negator: Situationistische Revolutionstheorie. Eine Aneignung. Stuttgart: Schmetterling Verlag 2005.

Precarias a la deriva: A la deriva por los circuitos de la precariedad femenina. Madrid: Traficantes de Sueños 2004.

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FOTO: Monument Anatoli Bredov

Was empfindest Du wenn Du dieses Monument ansiehst?

I: Ich weiß leider gar nichts über seine Geschichte. Aber es führt dazu, dass ich über schwere Dinge des Lebens nachdenken muss, wenn ich es ansehe. Sein Gesicht ist sehr ernst, er hat offenbar Probleme. Ich denke daran, dass Menschen sterben oder in Schwierigkeiten sind.

II: Ich fühle den Einfluss der Geschichte auf mich. Ich bin nicht so heroisch wie die, die vor mir gelebt haben. Es gibt eine Tradition in unserer Stadt, dass bei Hochzeiten Blumen an dieses Monument gelegt werden. Ja natürlich, respektiert man Soldaten des Großen Vaterländischen Krieges wie Anatoli Bredov und andere.

Aber warum fühlst Du Dich heute nicht heroisch? Führst Du nicht auch Kämpfe in Deinem Leben?

II: Ja sicher, aber das war Krieg, das war etwas ganz anderes. Dagegen sind meine Probleme klein. […] Man wird andererseits Held aufgrund einer heroischen Tat und bleibt es dann sein ganzes Leben.

 

Gruppe auf der Straße vor dem Administrationsgebäude

(Konflikt mit dem Sicherheitspersonal vor der Stadt-Behörde:)

I: Das Problem sind nicht unsere Fragen, aber er sagt, wir sind zu viele Leute. Er findet, das sieht irgendwie interessant aus, was wir machen. Wir sind damit eine politische Versammlung. Das wollen sie nicht. Das ist nicht kontrollierbar. Also los, gehen wir weiter.

 

FOTO: Bahnhof Murmansk

Right now, we are standing on the bridge, that is above the railroadtracks coming from the station. Does it make you feel like you want to go more to other places?

I: Other countries, other places. I like Murmansk, but if I am here at this place, I only want to go. Just go. I don’t know where, but I want to go.

What about your friends, your family, other important things?

I: Yes, they are important and I love them. But it was THEIR choice, to live here and I don’t see myself in here and I don’t find myself fitting in here, very good. We should focus on ourself, even if it is difficult to leave. We should learn to make a choice, what is more important for us.