platforma11

Das Anliegen der internationalen Projektwoche platforma11 war es, Kunst, Politik und Bildung sowie deren Verhältnis zueinander gemeinsam zu denken und zu praktizieren. Was hier als offener Ansatz formuliert wurde, ist Ergebnis einer langjährigen Projektkooperation der AG Russland des Jugendbildungsnetzwerkes bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Humanistischen Jugendbewegung Murmansk.

Vom 10. bis 19. September 2011 arbeiteten über 50 junge engagierte Menschen aus Russland, Ost- und Westeuropa, Nordafrika und Israel in einem interdisziplinären Teilnehmer_innenkreis am und im thematischen Spannungsfeld. Die platforma11-Initiator_innen aus dem AG-Russland-Netzwerk mit dem Leipziger Träger giro e.V. und Kulturbahnhof e.V. in Markkleeberg arbeiteten dabei seit Beginn mit unterstützenden Mitarbeiter_innen der Rosa-Luxemburg-Stiftung als Hauptförderer der Projektwoche zusammen und tauschten sich über konzeptionelle und organisatorische Fragen aus. Hierdurch wurde auch eine enge Verzahnung mit der anschließend in Berlin stattfindenden „Weitwinkel“-Tagungswoche der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit der Beteiligung zahlreicher platforma11-Teilnehmer_innen als Referent_innen sowie den Ausstellungen „Wir arbeiten dran“ und „Platform 4“ möglich.

Der Rahmen

Die platforma11-Projektarbeit wurde als offener Prozess gestaltet. Den Rahmen schufen die drei Themenfelder Kunst, Politik und Bildung sowie der Anspruch der Entwicklung neuer Lösungsansätze für eine künstlerische bis bildnerische Praxis sowie die Beschäftigung mit Strategien für Selbstermächtigung, Selbstorganisation und Möglichkeiten unabhängiger, alternativer und nicht-kommerzieller Projektarbeit. Darüber hinaus wurden bewusst keine weiteren inhaltlichen Vorgaben gemacht. In einem Organisationsblog konnten sich fünf platforma11- Arbeitsgruppen im Vorfeld zusammenfinden und eigene Themenkomplexe einbringen sowie Fragen und Ansätze diskutieren. Vor Ort in Leipzig dienten die Bloginhalte dann als Ausgangspunkte für die gemeinsame Projektarbeit. Hier ist insbesondere die interdisziplinäre Konstellation der Gruppen als wichtiger konzeptioneller Ansatz zu nennen. Jede_r konnte sich mit eigenen Kompetenzen, Erfahrungen und Interessen in die unterschiedlichen Arbeitsgruppen einbringen, ein ausgewogenes Verhältnis der jeweiligen Arbeitsfelder in den Bereichen Bildung, Theorie und (künstlerische) Praxis ermöglichten damit eine hierarchiearme Gemeinschaftsarbeit.

Die Teilnehmer_innen

Auf eine offene Ausschreibung hin bewarben sich über 100 Kulturschaffende und politisch interessierte junge Menschen, Künstler_innen aller Bereiche, politische Bildner_innen und Aktivist_innen sowie Wissenschaftler_innen. Gemäß des interdisziplinären Anspruchs wählte eine Jury, bestehend aus Mitgliedern der AG Russland, des Kulturbahnhof e.V., Giro e.V. und der Rosa-Luxemburg-Stiftung 35 internationale Teilnehmer_innen aus 12 Ländern – Deutschland, Russland, Belarus, Frankreich, Spanien, Ägypten, Israel, Norwegen, Mazedonien, Serbien, Slowakei, Ungarn – aus. Weitere ca. 20 in Deutschland lebende Teilnehmer_innen aus dem Umfeld des Jugendbildungsnetzwerkes bei der Rosa Luxemburg Stiftung, dem AG Russland Netzwerk und der Leipziger Kunst- und Aktivist_innenszene sowie die Organisator_innen kamen hinzu.

Die „Räume“

Die platforma11-AGs arbeiteten in verschiedenen unabhängigen Kunst- und Kulturräumen und im öffentlichen Raum in Leipzig und Markkleeberg. Die Themen der Arbeitsgruppen seien hier im folgenden kurz skizziert:

Die AG „Living on the Edge“ arbeitete im öffentlichen Raum, dem Jugendclub „Spinne“ und organisiserte eine Ausstellung im Agra-Museum Markkleeberg:

Was hat Vielfalt und Toleranz mit dem Leben in einer kleinen Stadt oder im Dorf zu tun? Gibt es hier statt Urbanität und Vielfalt nur Gemütlichkeit und Tourismus? Vorgärten und hochgeklappte Bürgersteige statt Aktionen und Angebote für Jugendliche? Oder sind es nur nicht die richtigen Angebote? Gemeinsame Diskussionen, Recherchen, Ideen und Strategien, wie man/frau Demokratiefeindlichkeit begegnen, mehr Angebote für junge Menschen schaffen kann bzw. eine offene tolerante Grundeinstellung befördert und über Probleme aufklären könnte, bildeten die Grundlage für Ausstellungsbeiträge, die die Arbeitsgruppe zusammen entwickelte und schließlich im Agra-Museum öffentlich präsentierte.

Die AG „The artspace as an interactive sculpture“ arbeitete im öffentlichen Raum und dem Kunstraum „Neukoniakow“. Sie entwickelte eine Ausstellung für den Kunstraum „Praline“:

Die „Praline“ ist ein Offspace (unabhängiger Kunst- und Projektraum) in Leipzig-Lindenau mit dem Konzept, die (Innen-)Architektur des Gebäudes in den Ausstellungsprozess einzubeziehen. Das 15qm kleine Gebäude ist außen wie innen holzvertäfelt und besitzt ein großes Schaufenster zur Straße. Die Arbeitsgruppe setzte sich einerseits mit der Ästhetik der Vertäfelung als Verdeckungsstrategie auseinander und thematisierte zudem Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum. Die Teilnehmer_innen konzipierten gemeinsam die Installation einer den Innenraum teilenden Holzimitatwand. Zur Straße hin war nur die eingezogene, den Raum halbierende Wand zu sehen. Hinter der Wand wurden einzelne Arbeiten der beteiligten Künstler_innen präsentiert, die während der Projektwoche im öffentlichen Raum Leipzigs entstanden.

Die AG „Building Networks“ arbeitete und organisierte eine Ausstellung im Konsoom Offspace:

Eingeleitet durch den Workshop „The white Hole experience“ in der Leipziger Essential Existence Gallery befasste sich die Arbeitsgruppe „Building Networks“ mit Möglichkeiten, Strukturen und Methoden selbstorganisierter, globaler, hierarchiearmer Netzwerke zwischen Künstler_innen, Kulturschaffenden und Aktivist_innen. Untersucht und hinterfragt wurden sowohl im Workshop als auch in der folgenden Woche Definitionen, Funktionsweisen, Visualisierungsmöglichkeiten von bereits bestehenden bzw. sich bildenden Netzwerken innerhalb des platforma11- Teilnehmer_innenkosmos. Die Interviewrecherchen und internen Diskussionen wurden durch ein Mapping, Video- und Audioarbeiten in der abschließenden Ausstellung zur Diskussion gestellt.

Die AG „open – stage – forum – theater meets…?“ arbeitete im Projekthaus Gieszer 16 und entwicklete eine Theaterperformance für den öffentlichen Raum in Markkleeberg:

Ausgehend von der in der Gruppe gemeinsam entwickelten Grundidee, sich mit den Problemen der Menschen im Allgemeinen zu befassen, standen folgende Fragen im Mittelpunkt: Was sind die Probleme? Wie können wir diese Probleme lösen? Kann Theater das überhaupt? Sind wir nicht eigentlich abhängig von Problemen? Als ästhetische Antwort darauf bauten die Teilnehmer_innen eine überlebensgroße Puppe, stellvertretend für die Größe der Probleme. Daraus entwickelte die Gruppe das Konzept einer performativen & interaktiven Wanderung durch die Kleinstadt Markkleeberg als Brückenschlag zu Leipzig, wobei das Publikum eine entscheidende Rolle spielte.

Die AG „Videosport extended“ arbeitete im Kunstraum Konsoom und drehte den Dokumentarfilm „Excuse me, what does capitalism mean?“

Erst während der Projektwoche konstituierte sich eine kleine Gruppe, die sich in einer gemeinsamen Videointerviewrecherche mit unterschiedlichen, persönlich/biografisch geprägten Interpretationsansätzen zum Kapitalismusbegriff beschäftigte. Die entstandene Videoarbeit verwebt persönliche Zugänge in Form von Kommentaren befragter Personen mit einer sozialdemografischen Dimension durch Stadtbilder Leipzigs.

Die AG „How to exhibit an open process?“ arbeitete in der AundV Projekt- und Hörgalerie

In den Räumen der Hör- und Projekt-Gallery „A&V“ etablierte eine weitere Arbeitsgruppe einen Thinktank, in welchem aus unterschiedlichsten Perspektiven und mit überraschenden Methoden Begriffe und Strukturen offener Prozessarbeit in selbstorganisierten Arbeitsgruppen untersucht wurden. Die Einbeziehung der Umgebung etwa durch ausgiebige Driftings führte neben theoretischem Input auch zu einer Visualisierung erörterter Themen im Raum, zum Beispiel durch das Setzen erstöberter Gebrauchtartikel in den Kunst- und Diskussionskontext. Die Erfahrungen, Diskussionen und Experimente dieses Thinktanks werden vornehmlich in den Methodenkoffer der AG Russland zur offenen Prozessarbeit einfließen, welcher auch weiterhin für die zukünftige Projektarbeit genutzt und insbesondere im geplanten Methodenworkshop aufbereitet wird.

Die Öffentlichkeit

Wichtiges Arbeitsfeld des Prozess-Thinktanks der AundV Arbeitsgruppe bildete das Rahmenprogramm mit allabendlich stattfinden öffentlichen Veranstaltungen. Täglich wurden Settings für die im Projektraum stattfindenen öffentlichen Veranstaltungen generiert, die den jeweiligen Themen entsprechend spezifische Raumsituationen schufen. Während der öffentlichen Veranstaltungen waren interessierte Leipziger_innen eingeladen, bei den Vorträgen und Inputs mitzudiskutieren, sich die Ausstellung, Performances und Filmscreenings anzuschauen oder sich über den aktuellen Stand des Prozesses und das Projekt zu informieren. Die Teilnehmer_innen der Projektwoche waren eingeladen, sich inhaltlich und organisatorisch in die Gestaltung der öffentlichen Events einzubringen, was intensiv wahrgenommen wurde. So fanden zahlreiche Events unterschiedlichster Formate statt. Neben einem diskursiven, als „Feldforschung“ angelegten Spaziergang durch Leipzig wurden das Videoscreening „Ruined Images“ mit künstlerischen Videos, eine Lesung mit dem Fernsehjournalisten und Murmansker Punk-Urgestein Alexandr Borisov sowie ein Vortrag zu „Rapmusik als alternatives politisches Statement“ und anschließendem Konzert der Gruppe „Radical Hype“ aus Bremen veranstaltet. Der performative Diskussionsabend „Get the Public“ hinterfragte den Begriff der Öffentlichkeit während am Folgeabend in der Veranstaltung „School is over“ Perspektiven, Methoden und Formate von Selbstbildungsprozessen diskutiert und erläutert wurden. Der „platformaWALK“, ein öffentlicher Spaziergang zu allen Arbeitsorten der Projektgruppen, bildete den Abschluss der Projektwoche. Der Trip führte zu Ausstellungseröffnungen im AundV, Konsoom und der Praline und von dort schließlich zum Agra-Museum Markkleeberg, begleitet von der Performance der Theatergruppe, und wurde mit einer Abschlussparty mit dem Motto „How to perform a party“ abgeschlossen. Hier sollte das Konzept Party kritisch auf seinen politischen Charakter hin untersucht und die Frage gestellt werden: Inwiefern kann eine Party ein Ort kritischer Auseinandersetzung sein, insbesondere in Hinblick auf geschlechtsspezifische Rollenverteilungen und Hierarchien in der Veranstaltungsorganisation, Musikproduktion und die Publikumstruktur sowie Sexismus, Homophobie und Ageism.

Die Durchführung der Projektwoche setzte ein hohes Maß an ehrenamtlichem Engagement voraus und wäre ohne das weit verzweigte AG-Russland-Netzwerk nicht realisierbar gewesen. Auch die Unterstützung zahlreicher unabhängiger Projekträume und Initiativen in Leipzig machten die vielseitigen Veranstaltungsangebote überhaupt erst möglich. Hoch reflektierte theoretische, aktivistische und künstlerische Ansätze zahlreicher internationaler Akteure führten zu spannenden Diskussionen, Aktionen und Präsentationsformen. Der Spagat zwischen der Offenheit gegenüber Themen einerseits und einem gut organisierten Rahmen andererseits wurde immer wieder während der Projektwoche diskutiert. Auf diesen Erfahrungen basierend werden die so gemachten intensiven Erfahrungen auch in zukünftige Veranstaltungskonzepte einfließen. Die Initiierung nachhaltiger langfristiger Zusammenarbeit mit den internationalen Teilnehmer_innen und beteiligten Akteur_innen kann als erfolgreich betrachtet werden. Aus den Begegnungen innerhalb der Projektwoche sind bereits mehrere laufende bzw. zukünftig geplante Projekte entstanden.

Im März 2012 formierte sich eine internationale Arbeitsgruppe „platforma13“ bestehend aus den neuen Hauptprojektpartnern Youth Human Right Movement und Center for Contemporary Art Woronesch, den langjährigen Partnern Humanistische Jugendbewegung Murmansk und AG Russland sowie einzelnen Akteur_innen der platforma11 aus Griechenland, Serbien, Israel, Mazedonien und Ägypten. In mehreren Etappen wird ein gemeinsames Konzept zu Inhalten, Themen und Methodischen Ansätzen interdisziplinärer Projektzusammenarbeit entwickelt.