Trespessing Permitted

Über den Zusammenhang von Koinzidenz und kontemporärer Kunst

Saskia Göldner, Lysann Németh (institut für wahre kunst)

Achte diese Meinung nicht gering, in der ich dir rate, es möge dir nicht lästig erscheinen, manchmal stehen zu bleiben und auf die Mauerflecken hinzusehen oder in die Asche im Feuer, in die Wolken, oder in den Schlamm und auf andere Stellen; du wirst, wenn du sie recht betrachtest, sehr wunderbare Erfindungen zu Ihnen entdecken.

Leonardo da Vinci, Traktat von der Malerei, um 1500

Eine Baustelle bespielt einen Unort. Von einem realen Raum kann erst nach seiner Fixierung die Rede sein. Was passiert dazwischen? Wie lassen sich Prozesse erleben und festhalten? Das institut für wahre kunst arbeitet bewusst prozessorientiert und sucht dabei vor allem das Brachland, um darauf oder darin temporäre Kunst- und Arbeitsräume zu schaffen. Trespassing Permitted war ein Versuch des instituts für wahre kunst, während des Dialogs der Kulturen 2010 zufallsbestimmtes und prozessorientiertes künstlerisches Arbeiten an russische Künstlerinnen und Künstler heranzutragen. Dabei kreisten wir um Fragen, wo und wann der Zufall beginnt: Schon beim zufälligen Entdecken von Material? Entwickelt gar die künstlerische Arbeit Zufälle als Produkt? Wann ist Zufall in der Kunst noch Zufall? Ist Zufall, sobald über den Begriff nachgedacht wurde, kein Zufall mehr, sondern dann vielmehr ein gesteuerter, bewusster, willkürlicher Vorgang? Es ähnelt den Begriffen FINDEN und SUCHEN, wobei FINDEN viel mehr Zufälle zulässt als SUCHEN.

Für zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler besteht die Möglichkeit, den Zufall in ihre Arbeitsweisen einfließen zu lassen. Damit sensibilisieren sie bestenfalls die Rezipienten für die Zufallserfahrung und transportieren so eventuell, prozessorientiertes, stark gegenwartsbezogenes Arbeiten in andere gesellschaftliche Bereiche. Die mutige Konfrontation mit dem Unfertigen, aber auch mit dem Fremden, garantiert eine Weiterentwicklung, einen progressiven und produktiven Austausch. Unter Umständen findet die Auseinandersetzung nicht mit Menschen statt, sondern mit Situationen oder unmittelbar geografischen Orten, auf denen sie stattfindet.

Am konkreten Beispiel des Zufalls lässt sich außerdem das Wesen von zeitgenössischer Kunst allegorisch erproben. Zufall gilt nicht nur als künstlerische Kategorie, sondern vor allem auch als künstlerische Strategie. Aus diesem Ansatz heraus entstand die Master Class Trespassing Permitted. Die Existenz der Gegenwart beeinflusst dabei in so hohem Maße die Arbeitsweise, dass wir, die wir uns im gegebenen Moment, in der Jetztzeit befinden, jedes mögliche zufällige Ereignis erwarten können. Überall, wo Gegenwart herrscht, herrscht Zufallspotenzial. Zufälle kann man nicht nur erwarten, sondern man kann auch aktiv mit ihnen arbeiten.

Mit dem Betrachten von Arbeiten des französischen Künstlers und Poeten Victor-Marie Hugo, den die Surrealisten zu einem ihrer Ahnherren erklärten, begann Trespassing Permitted. Hugos Zeichnungen spielten mit unkonventionellen Verfahren, bei denen er Zufall als Strategie einsetzte. Hassan Sharif, ein weitaus späteres Künstlerbeispiel, entwickelte für seine Zeichnungen und Performances gleichsam eine künstlerische Strategie, die auf konstruktivistischen Theorien zu Zufall und System basierte.

Zeitgenössische Kunst und Zufall lassen sich nicht nur kunsthistorisch, sondern auch kunstsoziologisch in einen kohärenten Zusammenhang bringen. Im weitesten Sinne, so nehmen wir an, schaffen zeitgenössische Künstler selbst unmittelbare Gegenwart. Hinzu kommt, dass – im Vergleich zu anderen Zeitgenossen – zeitgenössische Künstler genau die Gegenwart im Sinne habend für die Gegenwart arbeiten. Auf diese Art und Weise, Gegenwart erschaffend, verfügen Künstler also über eine große Offenheit, furchtlos dem Gesicht des Zufalls entgegenblickend. Dies kann entscheiden, in welchem Maße der Zufall in die Gegenwart eintritt, d.h. in welchem Maße die Erfahrung des Zufälligen, die zunächst innerhalb der Kunst abläuft, in die Erfahrung von Zeitgenossen eintritt.

Charles Baudelaire hält bereits 1863 das Arbeiten mit der Gegenwart für die Hauptaufgabe eines Künstlers.1 Der für das 19. Jahrhundert neue Typ des modernen Menschen ist auf der Suche nach dem Geist der Gegenwart. Bei Baudelaire passiert die Hinwendung zum Flüchtigen jedoch zugunsten der Bewahrung des Ewigen. Er sieht in der Modernität zwar »das Vergängliche, das Flüchtige, das Zufällige«2 als eine Hälfte der Kunst, andererseits »[…] geht es darum, der Mode das abzugewinnen, was sie im Vorübergehenden an Poetischem enthält, aus dem Vergänglichen das Ewige herauszuziehen.«3 Die andere Hälfte ist also »das Ewige und Unwandelbare«.4

Die Hinwendung zum Flüchtigen, und damit Prozesshaften, erklärt Walter Benjamin mit der Veränderung der Großstädte, Paris im Besonderen.5 Die riesigen Passagen mit Geschäften brachten den Typus des Flaneurs, des an Schaufenstern vorbei spazierenden Menschen hervor. Die ständig wechselnden Bilder beim Betrachten der Stadtlandschaft bot auch der sich enorm entwickelnde öffentliche Verkehr. Beispielsweise das Sitzen in einer Straßenbahn erlaubte es, die Stadt vor den Augen vorbeiziehen zu lassen. Die Stadt wurde zu einem Ort des Flüchtigen, Unbeständigen, Zufälligen.

Beliebte Themen in der zeitgenössischen Kunst und den Texten über sie sind das Betriebssystem Kunst, die Institution Kunst und der Kunstmarkt. Allerdings hat sich das Thema Zufall als grundlegende künstlerische Strategie und Kategorie von zeitgenössischer Kunst erhalten. »Wo bist du, wo bist du, Mütterchen Gegenwart!«6 nennt der russische Künstler und Kunsttheoretiker Dmitrij Prigov einen Text über die Rolle des Künstlers im heutigen System des Kunstmarktes, das einen neuen Typ des Künstlerverhaltens erfordert. Bei Prigov erscheint der zeitgenössische Künstler nicht im Sinne Baudelaires oder Benjamins zeitgenössisch. Er ist mittlerweile ein Teil der institutionellen Kunstordnung, die nach Marktregeln funktioniert.

Das neue Künstlerverhalten kann sich laut Prigov in zwei verschiedenen adaptiven Modellen, im Establishment- und im Alternativmodell, äußern. Das Modell des Establishments ist mit der Reproduktion des dominierenden Geschmackes verknüpft. Dabei wird solche Kunst geschaffen, die sich gut verkauft, weil sie als glamourös gilt u.Ä. Das zweite, alternative Modell ist das Modell des Risikos. Künstler schaffen Kunst, die nicht die Nachfrage des Kunstmarktes bedient, jedoch wählt die Gesellschaft mit der Zeit eines aus diesen alternativen Modellen »unter Vorgabe, das neue Establishmentmodell zu sein«,7 aus. Die Gesellschaft wählt das eine oder andere Modell zufällig aus.

Prigov hinterfragt, worin das Wirken des Künstlers in der Gesellschaft besteht, wenn er nicht selbst entscheiden kann, welche Modelle sich etablieren und welche die alternativen bleiben. Und auch hier spielt wieder der Zufall eine Rolle: Der Künstler nehme zufällige Dinge, vielleicht nicht besonders neue, und mache sie zeitgenössisch. Prigov spricht über den Künstler als „Nominator“, der zufälligen Dingen ihren Namen gibt. Bei ihm ergibt sich für uns eine ganz konkrete Arbeit mit dem Zufall – die Auswahl des Materials oder des Themas zufällig zu entscheiden.

Die Perzeption sowohl von Gegenwart an und für sich als auch von Kunst mit kontemporärem Anspruch ist zugegebenermaßen durch mehrere Faktoren erschwert. Weder ein eigener bestimmter Ort noch eine fortwährende Definition oder Beschreibungsweise machen sie fassbar. In ähnlicher Weise beschreibt diese Unmerklichkeit, Ungreifbarkeit auch den Zufall. Zufällige Ereignisse überraschen uns, verwundern uns. Ohne Zufall keine Gegenwart und umgekehrt.

Trespassing Permitted wurde in Murmansk auf Impulse des instituts für wahre kunst hin verschiedenartig erfahren. Während der eine Teil der russischen Teilnehmerinnen vor Arbeitsbeginn ein Konzept zur Bearbeitung des durch ein Zufallsgerät ausgewählten Materials erstellte und jeden weiteren Arbeitsschritt mit diesem Zufallsgerät vorausplante, ließ sich die andere Hälfte von den Begegnungen, Einfällen, Aussagen und gefundenen Dingen vor Ort zu einer künstlerischen Arbeit leiten, die sie nachträglich in einen Gesamtzusammenhang einordnete. In beiden Fällen entstand während des Workshops eine künstlerische Annäherung an den Zufall. Die Gruppe, die ihre Arbeiten durch ein Zufallsgerät bestimmen ließ, fotografierte ihre Experimente und stellte davon neun Fotos unter dem Titel Denkt ihr an dasselbe wie ich? abschließend aus. Die andere Gruppe verarbeitete ihre Erfahrungen mit dem Zufall nach der Materialsammlung zu einer Collage, die sie einem russischen Piloten widmete und sie zu einer Flieger-Performance bewegte. Die in Trespassing Permitted aus dem Zufall entstandene und über den Arbeitsprozess der Collage weiterentwickelte Performance wurde also zurück an die Gegenwart gegeben und löste sich wieder in ihr auf.

1 Vgl. Charles Baudelaire: Der Maler des modernen Lebens. In: Ders.: Sämtliche Werke, Band 5. München/Wien 1989, S. 213-258.

2 Ebd., S. 226.

3 Ebd., S. 225.

4 Ebd., S. 226.

5 Vgl. Walter Benjamin: Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. In: Ders.: Illuminationen. Ausgewählte Schriften. Frankfurt/M. 1977, S. 170-184.

6 Dmitrij Prigov: Gde ty, gde ty, matuška-sovremennost‘! In: Chudožestvennyj žurnal № 64, 2007. URL: http://xz.gif.ru/numbers/64/prigov/ (letzter Zugriff 03.01.2013).

7 Ebd.