Der Dialog der Kulturen

Zwischen 2004 und 2012 fand in Murmansk jedes Jahr im Frühjahr das internationale Jugendfestival Dialog der Kulturen statt. Es beschäftigte sich mit kreativen Prozessen als Form der Gesellschaftsanalyse, stieß mithilfe künstlerischer und kultureller Aktionen Diskussionen über soziale Bedingungen an und bot den Raum für den Ideenaustausch und die Zusammenarbeit von Künstler_innen und Aktivist_innen aus verschiedenen Ländern. In seiner späteren Form, als Bildungswoche mit jeweils vorab vorgeschlagenen Themenschwerpunkten, verband es Akzente politischer Bildung mit politischer Kunst. Die Plattform diente dabei auch der anhaltenden Auseinandersetzung um verschiedene Positionen und Auffassungen der Felder Kunst, Politik und Bildung, die insbesondere aufgrund der unterschiedlichen historischen und politischen Erfahrungen in Deutschland und Russland fortlaufend diskussionswürdig und verhandelbar bleiben. Der gegenseitige Austausch, der in gemeinsamen Ausstellungen, Performances, Filmvorführungen, Konzerten, Aktionen und Workshops seinen Ausdruck fand, nahm sich im Laufe der Zeit so unterschiedlicher Themen an wie Stadtplanung und Architektur, Gentrifizierung, kulturelle und geschlechtliche Identitäten, Kunst im öffentlichen Raum, Erinnerungskultur, politisch-künstlerische Aktionsformen oder »Do it yourself«-Strategien. Die Aktivierung der Selbstorganisationspotenziale aller Teilnehmer_innen war – und ist – ein wesentlicher Bestandteil des von der damaligen AG Russland und der Humanistischen Jugendbewegung Murmansk dank ihrer langjährigen Projekterfahrung entwickelten Bildungskonzeptes.

Darin spielen zum Beispiel spontaneistisch inspirierte Methoden wie Driftings bzw. psychogeographische Untersuchungen eine Rolle, die auf eine Veränderung der Wahrnehmung der eigenen oder fremden sozialen und ökologischen Welt gerichtet sind. So können immer wieder Ausgangspunkte für eine kritische Aneignung der Wirklichkeit, für das Nachdenken über den urbanen Raum und die Formulierung sowie Kritik von Utopien geschaffen werden. Darüber hinaus wurden während der Festivals die Musik- und Popkultur als Experimentier- und Handlungsfelder erschlossen. Gender-Themen, aktuelle Debatten wie Überwachung oder die emanzipatorische Aneignung kultureller Ausdrucksformen rückten damit praxisnah in den Blick. Das Dialog-Forum funktionierte als aktivierender Einstieg für weiterführende Prozesse der Bildung, Vernetzung und eine aktive gesellschaftliche Auseinandersetzung.

Der Umstand, dass Künstler_innen politisch in Erscheinung treten, spielte auch eine wichtige Rolle für die Politisierung und Aktivierung der organisierenden Netzwerk-Akteur_innen selbst. Teilnehmer_innen des Festivals waren staatlichen Repressionen ausgesetzt, die im Zuge des Dialog-Festivals 2009 entstandene Street-Art-Galerie Stenka wurde von der Polizei entfernt, ein Solidaritäts-Konzert in Murmansk von russischen Neonazis überfallen. Auch durch Sicherheitsstrukturen wurde psychischer Druck auf die russischen Netzwerker_innen ausgeübt. Dies mobilisierte sowohl das russische Netzwerk, das sich dadurch schnell zu erweitern begann, als auch die AG Russland, die im Rahmen einer Solidaritäts-Kampagne auch in Deutschland Öffentlichkeit über die stattfindenden Repressionen schaffte.

Das Jugendfestival Dialog der Kulturen gibt es seit 2012 in dieser Form nicht mehr. Dies hat mehrere Gründe: Neben dem Bedürfnis, neue Bildungs- und Kulturformate zu entwickeln und auszuprobieren, ist in den letzten Jahren in Russland der politische Druck in vielen Bereichen stetig gewachsen. Viele Themen können in der bewährten Form nicht mehr offen mit Jugendlichen diskutiert werden. Die Humanistische Jugendbewegung Murmansk wurde als „Ausländischer Agent“ eingestuft und hat sich aufgelöst. Viele wichtige Akteur_innen haben aus diesen oder anderen Gründen Murmansk oder Russland verlassen. Was bleibt, ist ein starkes Netzwerk an Aktiven, das in den verschiedensten Initiativen und Projekten, gemeinsam oder in anderen Zusammenhängen seine Erfahrungen weitergibt.