walking routes // working roots

walking routes // working roots – Dokumentation

Yvonne Anders, Betty Pabst, Susanne Dittrich. Projekt auf dem »Dialog der Kulturen«, März 2008, Murmansk. Fotos: Betty Pabst

 

> Gespräch mit Anton (19) in seiner Wohnung, Mitglied der Band »Ridle«, Murmansk, März 08

Y: Wo probt ihr?
A: In einem Proberaum am 8. Gymnasium. Das kostet 150 Rubel pro Stunde. Wir legen dafür zusammen.
Y: Und wo macht ihr die Aufnahmen?
A: Wir spielen alles einzeln ein und bearbeiten es dann hier in meinem Zimmer am Computer.
S: Seid ihr dann zu fünft oder sechst hier im Raum?
A: Zu dritt: Der Komponist, der Soundmixer und ich.
S: Was sagen deine Eltern dazu?
A: Mein Vater unterstützt mich voll.
B: Möchtest du gern Musiker werden? Davon leben?
A: Ja, ich will ein berühmter Musiker werden und arbeite darauf hin.
Y: Du willst damit mal Geld verdienen?
A: Ja, auf jeden Fall.
Y: Wo gibt’s Proberäume und Orte zum Spielen, für Auftritte?
A: Hier in Murmansk gibt’s fünf Proberäume. Ansonsten üben die Bands zu Hause oder in Garagen.
Y: Gibt es auch illegale Orte, wo Bands spielen?
A: Die meisten Orte, wo Technik steht, sind legal.
S: Werdet ihr von der Stadt unterstützt oder gefördert?
A: Nur einige Gruppen, die an nationalen Projekten teilnehmen, bekommen von der Stadt Kredite.
S: Habt ihr selbst Interesse daran, so gefördert zu werden?
A: Wir würden’s nicht ablehnen, machen aber bisher alles mit eigenem Geld – Proberäume, Aufnahmen etc.
Y: Was wünschst du dir für die Zukunft der Musikszene in Murmansk, bzw. was würdest du verändern, wenn du Geld hättest?
A: Wir planen, ein Musikstudio zu eröffnen, wo man zu moderaten Preisen arbeiten kann. Wir wollen dafür einen Kredit bei der Bank beantragen und eine Firma gründen.

 

> Gespräch mit DJ Variag (Mischa), House DJ im Club Saraj, Murmansk, März 08

S: Wie lange bist du schon Besitzer dieses Clubs?
V: Ich bin nicht der Besitzer, ich arbeite hier als Sozialarbeiter. Ich bin außerdem DJ.
Y: Uns wurde erzählt, dass du der erste Techno/House-DJ in Murmansk warst.
V: Ja, das stimmt.
Y: Wann hast du angefangen?
V: 1995.
Y: Was für ein Gebäude ist das hier eigentlich?
V: Das ehemalige Kulturhaus der Stadt. Es ist aber immer noch städtisch. In privaten Clubs würden diese Technopartys nicht gut laufen.
Y: Gibt’s hier eine große Technoszene?
V: Ja, es gibt hier viele Techno-, House-, Drum’n’Bass-, Trance-Fans. Das hier ist mit der einzige Ort, wo sie eine Möglichkeit haben, was zu machen.
Y: Wie sieht’s aus mit illegalen oder inoffiziellen Partys?
V: Selten. Euer Verständnis von nicht-kommerzieller Kultur ist ein anderes als unseres. In Russland gibt es keine Möglichkeit, nicht-kommerzielle Musikkultur zu etablieren, alles ist kommerziell. Hier gibt’s keine Unterstützungen und keine Mittelschicht. Die Leute sind entweder reich oder arm.
Y: Aber man kann ja nicht wirklich viel Geld mit dieser Musik verdienen. Warum machst du trotzdem Musik?
V: Aus Prinzip.
Y: Also doch aus idealistischen Gründen.
V: Ja, genau. (lacht)
Y: Bist du in Moskau und St. Petersburg bekannt?
V: Ja. Die Technoszene ist eher in Moskau und St. Petersburg. Aber da hinzugehen ist unrealistisch. Da muss man gute Verbindungen haben, persönliche und finanzielle.
Y: Gibt’s hier eigentlich auch Open Air Raves?
V: Ja, wenige. Es ist schwierig, Leute zusammenzufinden. Die meisten verstehen nicht, warum sie Eintritt bezahlen müssen, wenn die Party draußen ist.
Y: Wen muss man um Erlaubnis fragen, laute Musik machen zu dürfen?
V: Wir fragen nicht, wir machen das einfach so.
Y: Und da gibt’s nie Probleme mit der Stadt oder der Polizei?
V: Die fahren nicht extra in den Wald, um da nachzuschaun.

 

> Interview mit einem Sprayer in einer Garagensiedlung (22 Jahre alt), Murmansk, März 08

Sue: Kannst du uns sagen, wo wir hier sind?
S: Wir malen an Wände von Garagen, an Orten, wo man die Bilder nicht leicht finden kann. Wir wollen nicht, dass andere unsere Arbeiten crossen.
Sue: Aber so sieht doch keiner eure Arbeiten?
S: Die Leute, die uns kennen und sich für unsere Arbeiten interessieren, werden einen Weg finden, die Arbeiten zu sehen. Außerdem sind Bilder von unseren Arbeiten im Internet und einigen Magazinen veröffentlicht.
Y: Ist es gefährlich oder verboten, an Garagenwände zu malen?
S: Eigentlich ist es verboten, aber wir haben uns eine Erlaubnis besorgt. Die Stadt hat es erlaubt. Wir haben lange gebraucht, die nötigen Dokumente für die Erlaubnis zu bekommen.
Y: Was sagen die Garagenbesitzer zu euren Arbeiten? Sind sie sauer?
S: Nein. Wir malen sehr gut und sie mögen es.
Sue: Sie rufen also nicht die Polizei?
S: Nein.
Sue: Kennt man hier in Murmansk eure Namen oder Gesichter?
S: Nein, man kennt eigentlich nur unsre Arbeiten. Wir geben eigentlich keine Interviews usw.

Sue: Habt ihr für alle Garagen hier eine Erlaubnis?
S: Ja, da unsere Arbeiten so erfolgreich waren und die Besitzer sie mochten.
Y: Verdient ihr auch Geld damit?
S: Ja, ich finde es gut, Geld mit meiner Lieblingsbeschäftigung zu verdienen.
Sue: Gibt es da Probleme mit anderen Sprayern, die nicht-kommerziell arbeiten?
S: Ja, die gibt’s. Aber wir schenken dem keine Beachtung.
Y: Versucht ihr manchmal auch, an anderen Orten zu sprayen, z. B. in der City?
S: Nein. Früher, als wir ganz jung und Anfänger waren, haben wir das gemacht.
Y: Sind Graffiti für euch auch Protest?
S: Ich denke, Kunst ist immer Protest, aber wir wollen von den Leuten nicht falsch verstanden werden, deshalb sind unsre Inhalte eher »medium«. Wenn in einer Stadt keine Graffiti zu sehen sind, stimmt etwas nicht. Entweder gibt’s dann zu viel Polizei oder die Leute werden nicht unterstützt, können nichts machen.
Y: Versucht ihr manchmal, an verbotenen Plätzen zu malen, z. B. um euch der Stadt zu bemächtigen?
Sue: Oder ist eure Idee eine andere?
S: Wir haben solche Pläne, aber die sind geheim. Die Sachen, die wir gerade machen, bedürfen großer Anstrengung und sind deshalb legal. Wenn wir Sachen machen, um Geld zu verdienen, nennen wir das nicht Graffiti, sondern Dekoration oder so. Graffiti nennen wir nur das, was wir für uns selbst machen, auf der Straße.

 

> Besuch bei BJ in der »Fleischwolf«-Wohnung, Interview und anschließendes »Freestyle«-Event, März 08, Murmansk:

(BJ wohnt alleine in einer Einraumwohnung im Plattenbaugebiet. Er hat die Wohnung von seiner Großmutter geerbt. Sein Wohnzimmer ist zugleich Schlafzimmer und Club mit kleiner Bühne.)

S: Wie oft macht ihr zusammen Musik, habt ihr ihr öfter Partys?
B: Einmal in der Woche.
S: Ist das öffentlich oder mehr privat?
B: Manchmal mit Gästen.
Y: Gibt es mehrere solcher Wohnungen, in denen ihr solche Veranstaltungen macht?
B: Eher nicht. Wir treffen uns meistens hier.
S: Gibt es eine große Hip-Hop-Szene in Murmansk?
B: Es gibt schon mehrere Crews.
S: Organisiert ihr auch zusammen größere Veranstaltungen?
B: Nicht so oft, wie wir wollten. Unser Wunsch ist es, dass solche Freestyle-Events einmal pro Woche in einem größeren Club stattfinden. Die großen kommerziellen Clubs sind aber auf ein bestimmtes Publikum ausgerichtet, z. B. Kinder von reichen Eltern, da passt das vom Musik-Style nicht. Wir wollen eher einen Raum haben, der zugänglicher ist für alle Leute, wo man wenig Geld braucht.
Y: Kann man sich denn Räume für Veranstaltungen mieten?

B: Kann man machen, ist hier aber nicht so üblich, ist sehr teuer.

 

> Ausschnitt aus einem Gespräch mit Sergej (»Mombus«) in seiner Wohnung, März 08:

Y: Wir möchten gern einiges wissen und über dich als Musiker, wie du arbeitest und lebst, und über deine Rolle in der Musikszene in Murmansk.
S: Von Beruf bin ich Biologe, ich arbeite am Polar-Forschungsinstitut. Aber seit meiner Kindheit träume ich davon, elektronische Musik zu machen. Als ich die Uni beendete, hatte ich die Möglichkeit, einen Computer, Synthesizer usw. zu kaufen, und fing an, Musik zu produzieren. Das waren sogenannte »Bedroom-Productions«. In den letzten Jahren hab ich vier Alben in Moskau und St. Petersburg bei unabhängigen Labels veröffentlicht. Manchmal spiele ich live, aber ich mag das nicht besonders. Ich toure deswegen auch nicht oft. Der Rolling Stone bezeichnete meinen Musik-Style als einen Mix aus Easy Listening, Folkatronik und IDM (Intelligent Dance Musik). Es ist nicht mein Ziel, erfolgreich Musik zu produzieren und bekannt zu werden, in Clubs zu spielen. Ich will einfach nur meine Musik in meinem Homestudio machen.

 

> Alexej, Bar Magistral, Murmansk, März 08

Y: Kannst du uns erklären, was hier los ist und was ihr hier macht? Es sieht sehr verrückt aus.
A: Ja, es sieht verrückt aus. Der Ort nennt sich Magistral. Es ist eigentlich eine normale Bar für Leute, die hier nach der Arbeit herkommen, um was zu essen und zu trinken. Die Bewohner dieser Gegend sind etwas schockiert über uns, weil wir hier ein »Kunst-Café« machen. Der Besitzer dieser Bar ist ein richtiger Geschäftsmann, aber er interessiert sich auch für zeitgenössische Kunst. Er hat uns diesen Platz hier für Kunst-Events gegeben und verdient an uns auch. Wir können hier machen was wir wollen – Ausstellungen, Installationen, Performances … Ich bin hier so etwas wie ein »Art-Director«, und ich lese hier meine Gedichte vor. Manchmal sind hier verrückte poetische Abende mit einer Menge 18-jähriger Punks, die Gedichte mit Mikrofon vorlesen.
S: Wie oft macht ihr solche Veranstaltungen?
A: Einmal im Monat.
Y: Ist dieser Platz berühmt in Murmansk?
A: Jetzt ist er berühmt. Ich habe diesen Platz berühmt gemacht.
S: Musst du was für die Bar bezahlen?
A: Nein. Ich bin ein Freund des Besitzers und es ist frei. Außerdem verkauft der Besitzer Getränke usw.
S: Brauchst du Geld zur Realisierung von Veranstaltungen?
A: Manchmal, für Material usw. Ich verkaufe meine CDs mit meinen Gedichten, und ich verdiene Geld mit meinen Improvisationen.
S: Kannst du davon leben?
A: Ja, ich kann davon leben.
Y: Wirklich? Wir sollten dasselbe tun.

 

Working Routes – Bericht