Warum Murmansk?

Der Murmansker Oblast zählt insgesamt etwa 800.000 Einwohner. Die kleinen und mittelgroßen Städte dieses industriell und militärisch geprägten Gebietes werden architektonisch von Plattenbausiedlungen dominiert und sind verhältnismäßig jung: Kaum eine Stadt ist älter als 100 Jahre, die zweitgrößte Stadt Apatity erhielt erst 1966 das Stadtrecht. Der Abbau von Apatit, Nickel, Eisenerz, Kupfer und anderer Rohstoffe sowie deren Verhüttung bilden neben dem Fischfang und der Holzwirtschaft den bedeutendsten wirtschaftlichen Schwerpunkt. Angesichts der starken Marginalisierung der Region, ihrer Rolle als einem der größten Militärstandorte Russlands (Nordmeerflotte), immenser Umweltzerstörung durch die Großindustrie und nukleare Altlasten sowie der durch die nördliche Lage extrem widrigen Witterungs- und Lebensbedingungen liegt in der Region ein Problemkontext vor, der auch international Relevanz hat.

Hinzu kommt die geschichtliche Verbindung maßgeblich mit Deutschland. Die militärischen Auseinandersetzungen des Zweiten Weltkrieges sind in der Geschichtsschreibung Murmansks und in zahlreichen Denkmälern und Museen omnipräsent. Über der Kola-Bucht wacht ein 35 Meter hoher Rotarmist aus Beton mit dem Namen Aljoscha. Mit einer zu seinen Füßen brennenden ewigen Flamme erinnert er an die Zerstörungen und Opfer der gescheiterten Eroberungsversuche durch die Deutsche Wehrmacht. Seit 1985 trägt Murmansk den in der Sowjetunion verliehenen Titel »Heldenstadt«, der die Verteidigung des ganzjährig eisfreien Hafens im Zweiten Weltkrieg würdigt. Selbst die Gründung der Stadt 1916 steht indirekt in Verbindung mit Deutschland, insofern die Notwendigkeit, während des Ersten Weltkrieges Russland über den nördlichen Seeweg mit Unterstützungslieferungen der westlichen Alliierten zu versorgen, zum Bau einer Eisenbahnlinie und zur Errichtung eines Hafens an der Kola-Bucht führte. Daraus ist die Stadt hervorgegangen.

Aufgrund der auch mit Zwangsarbeitern vorangetriebenen Industrialisierung und Rohstofferschließung geht die Bevölkerungsmehrheit der Region auf Migrationsbewegungen des 20. Jahrhunderts zurück. Murmansk und andere Orte verfügen dadurch und als Hafen- und Militärstädte in Grenznähe zu Skandinavien über eine lokale Tradition der Multikulturalität. Die von der AG Russland und der Humanistischen Jugendbewegung Murmansk initiierten Projekte stießen wohl nicht zuletzt dank dieser Tradition auf eine große Bereitschaft für Austauschprozesse und Initiativen, die die Attraktivität der Region u.a. für Jugendliche erhöhten. Denn traditionell stehen Städte wie Murmansk im Schatten der weit entfernten kulturellen Metropolen St. Petersburg und Moskau.

Die regionale Administration, die im Vergleich zu anderen Regionen zeitweise etwas liberaler agierte, war aufgeschlossen für innovative Projekte und unterstützte vereinzelt sogar unsere Aktivitäten. Auch war das Medieninteresse in der Regel hoch, die Projekte wurden regelmäßig in Zeitungen, Internet und Fernehen begleitet und dokumentiert. Dadurch konnte genau hier ein Austauschfenster geöffnet bzw. der Netzwerkknotenpunkt gelegt werden zwischen der AG Russland und der Humanistischen Jugendbewegung Murmansk, die vor Ort über administrative Akzeptanz, bürokratische Erfahrung und eine inhaltlich passende Struktur verfügte. Das weitere Umfeld bildete eine kritische Sub- und intellektuelle Kultur, welche in Murmansk vorhanden war, sich über die Jahre weiterentwickelte und die Region Murmansk nachhaltig veränderte.