Working Routes

Working Routes – Bericht

Yvonne Anders, Betty Pabst, Susanne Dittrich, Marcel Raabe

Ausgangspunkte

Neben institutionalisierten Kunstformen sowie deren ebenso institutionalisierten Produktions- und Rezeptionsweisen findet gesellschaftlicher Dialog und kulturelle Progression oft in subkulturellem Rahmen statt. Einerseits sind damit Jugendkulturen gemeint, in denen meist Jugendliche die »ihrer« Kultur jeweils eigene Kunst (am Rande des Kunstbegriffs) pflegen (z. B. im HipHop, Punk etc.). Andererseits kann subkulturell auch im weitesten Sinne »alternativ« bedeuten, das heißt abseits des kulturellen Mainstreams, also im Wortsinne sub- – unterhalb einer offiziellen, breit wahrgenommenen Kultur. Teilweise ist dieser Weg bewusst gewählt, aus einer politischen Überzeugung oder einem bestimmten Kunstverständnis heraus, oft sind es aber auch die spezifischen Produktions- und Arbeitsbedingungen sowie materielle Umstände, die zu einer »subkulturellen Lebensweise« zwingen.

Subkulturen sind insbesondere in westlich geprägten Gesellschaften der Nährboden, aus dem sich späterhin die Mainstreamkultur speist. Gleichzeitig sind sie der Ort für gesellschaftlichen Widerstand und Protest. In den Staaten des Ostblocks, insbesondere in der ehemaligen Sowjetunion, konnten hier abseits der zentral gelenkten und instrumentalisierten Kunst alternative gesellschaftliche Diskurse entstehen und gepflegt werden.

Ausgehend von der eigenen Erfahrung als Künstler_innen oder Kulturschaffende in Deutschland entstand die Idee des Projektes Working Routes, um die spezifischen Lebens- und Produktionsbedingungen von Künstler_innen in Murmansk zu erforschen und die jeweiligen Erfahrungen in einen Dialog zu überführen. Die exponierte Situation Murmansks spielte hierbei eine besondere Rolle. Murmansk liegt als eine mittlere Großstadt relativ isoliert auf der Kola-Halbinsel weit im Norden Russlands. Kultureller Austausch insbesondere mit Kernzentren wie St. Petersburg und Moskau ist aufgrund der räumlichen Distanz und den finanziellen Bedingungen der meisten seiner Bewohner_innen nur eingeschränkt möglich. Des Weiteren sind die räumlichen Möglichkeiten für alternative Kultur in einer durchkonzeptionierten Reißbrettstadt, in der allen Räumen spezifische Funktionen zugewiesen werden und die meisten Orte besetzt sind, begrenzt. Zum einen gibt es die offiziellen Kunsträume der Universitäten (Musikhochschule, Kunsthochschule), zum anderen kommerzielle Veranstaltungsorte wie den Klub Ledokol. Zu beidem ist der Zugang für alternative Kulturen sehr beschränkt, weil diese sich in der Regel abseits akademischer wie kommerzieller Pfade bewegen. Darüber hinaus gibt es kommunale Kultureinrichtungen bzw. Kulturhäuser, die unter staatlicher bzw. kommunaler Kontrolle stehen oder standen. Deren finanzielle Situation ist seit dem Ende der Sowjetunion prekär (der Situation in Deutschland nicht unähnlich), nur wenige der einstmals zahlreichen, mitunter Betrieben angegliederten Kulturhäuser werden noch betrieben. Dies nun eröffnet die Möglichkeit, Räume für alternative Kultur nutzbar zu machen, wie eines der besuchten Beispiele zeigte. Zunächst aber standen die Fragen im Vordergrund, ob sich unter den geschilderten Bedingungen eine alternative Kulturszene überhaupt entwickeln kann, und wenn ja, wie ihre Mitglieder arbeiten.

Das Projekt

Das Bewusstsein darüber, dass die äußeren Bedingungen unmittelbar das künstlerische Schaffen beeinflussen und damit in direktem Zusammenhang zu dem stehen, was letztendlich als Produkt einer künstlerischen Arbeit in Galerien, Kunsthallen, Festivals, Bühnen etc. zu rezipieren ist, lenkt den Blick auf eben jene Bedingungen. Diese stehen daher im Fokus unseres Projektes. Uns interessiert die Arbeitssituation von Menschen, die in Russland, insbesondere in Murmansk, im kulturellen Feld arbeiten. Wie beeinflussen diese Umstände ihr Schaffen? Leiten sich für die Künstler_innen daraus gewisse politische bzw. gesellschaftliche Positionen ab? Und spiegeln sich diese in ihrer Kunst?

Die »Forschungsarbeit« haben wir als einen Workshop konzipiert, der sich im Wesentlichen aus Gruppenexkursionen (teilnehmende Beobachtung), der Dokumentation (Fotografie, Interviews) sowie anschließenden Diskussionen und der Auswertung zusammensetzt. Mit dieser Vorgehensweise möchten wir in einen Dialog kommen, das Festivalmotto über den Umgang mit öffentlichem Raum in die Praxis überführen, Recherchearbeit leisten sowie alternative pädagogische Konzepte integrieren. Das Resultat bindet den theoretischen und praktischen Hintergrund an eine eigenständige künstlerische Arbeit zurück, die damit wiederum mit dem Workshop und seinen Teilnehmer_innen in Dialog tritt, worin unserer Meinung nach Politik und Kunst in eine symbiotische Beziehung gebracht wird, ohne die totalitäre Tradition politischer Kunst (wofür die Beispiele sowjetischer Kunst im Stadtraum Murmansks zahlreiche Beispiele liefern) fortzuschreiben. Der Kunst- wie der Politikbegriff erfährt dabei eine konstruktive Ausweitung, was insbesondere aufgrund des in Russland vorherrschenden eher konservativen Verständnisses beider Begriffe von zentraler Bedeutung ist. Ohne auf unseren eigenen Positionen kompromisslos zu bestehen, sehen wir in der Öffnung der Begriffe notwendige und produktive Ansätze zur Lösung gesellschaftlicher Probleme bzw. eine fruchtbare Möglichkeit des Umgangs mit ihnen. Sie sind ferner geeignet, gesellschaftliche Phänomene und Zusammenhänge transparenter zu machen.

Konzeption

Zu Beginn des Festivals luden wir zu einem Workshop ein, in dem wir kleine Kurzfilme zu unseren Arbeitssituationen u. a. in Leipzig und Berlin zeigten sowie eine Diskussion über den Einfluss der Arbeitsbedingungen auf die künstlerische Arbeit anstießen. Im Rahmen von Ausflügen wurden daraufhin täglich die für die kulturelle und künstlerische Arbeit relevanten Orte in Murmansk besucht. Zu diesen Ausflügen wurde öffentlich eingeladen, Vertreter_innen der Kunst- und Kulturszene Murmansks haben die Stadtführung jeweils inhaltlich übernommen. Neben der Organisation der alternativen Stadtführungen bereiteten wir Interviews vor, dokumentierten die Exkursionen sowie die Arbeitssituation der Künstler_innen und zogen jeweils den Vergleich zu unseren eigenen Arbeitssituationen. Ergänzend zu den im Vorfeld geplanten Besuchen blieb die Veranstaltung permanent für Ergänzungen und Neuentdeckungen offen, die in den Workshop-Plan eingearbeitet wurden. Die jeweiligen Stadtrundgänge wurden täglich im Festivalzentrum angekündigt und aktualisiert.

Am Ende eines jeden Rundgangs wurden die Route und die besuchten Orte in einen aushängenden Stadtplan eingetragen. In ihm haben die Festivalteilnehmer_innen und -besucher_innen (ggf. anonym) wichtige Orte oder Geheimtipps in Murmansk ergänzt. So wurde nach und nach ein alternativer Stadtplan für Murmansk entwickelt. Außerdem wurden die Rundgänge ausführlich mit Video, Foto, Diktiergerät und Protokollen dokumentiert.

Fazit

Schnell stellte sich heraus, dass junge Künstler_innen und Musiker_innen unter extrem schwierigen Bedingungen arbeiten. Der Mangel an Arbeits- und Übungsräumen sowie an finanziellen Förderungsmöglichkeiten erschwert (nicht nur) in Murmansk die Arbeit im unkommerziellen kulturellen Feld, wobei »kommerzieller Erfolg« auf dem Feld der Kunst in dieser Region generell eine Ausnahmeerscheinung bleibt. Den Widrigkeiten zum Trotz proben Musiker_innen in winzigen provisorischen Räumen, bauen sich kleine Bühnen in ihre Einraumwohnung oder komponieren elektronische Musik zu Hause, wo sie zusammen mit Eltern und Großeltern wohnen. Clubs entstehen in alten Kulturhäusern, und in Kneipen werden spontane Poetry- und Jam-Sessions veranstaltet, während der Maler inmitten seiner Bilder und Terpentindüften auch sein Bett stehen hat.

Die Working-Routes-Ausflüge entfalteten eine erfolgreiche Eigendynamik: Zahlreiche Teilnehmer_innen waren inspiriert, ihrerseits für sie bedeutsame kulturelle Orte vorzustellen. Auf diese Weise wurden auch unter den Murmansker Künstler_innen neue Kontakte geknüpft und der Anstoß zu neuen Netzwerken gegeben. Nicht nur für die deutschen Teilnehmer_innen öffnete sich so der Blick auf die subkulturelle Landschaft in Murmansk.

Die Interviews wurden von Susanne Dittrich und Yvonne Anders moderiert und aufgenommen. In lockeren Gesprächen und offenen Diskussionsrunden wurden Themen wie die Finanzierung der jeweiligen Räumlichkeiten, Möglichkeiten der Veröffentlichung (z. B. Auftritte), idealistische Ansätze oder kommerzielle Strategien sowie Zukunftsvisionen erörtert. Betty Pabst hat die Orte, die Raumsituation und -gestaltung, fotografisch dokumentiert. Die Videodokumentation übernahm Marcel Raabe.

 

walking routes // working roots – Dokumentation